Die Traumrevolution - die größte kulturelle Errungenschaft nach der Schrift ist das (Klar)Träumen

Klarträumen (luzides Träumen) – Was ist das?

 

 

 

Ein Klartraum (lucid dream) ist ein Traum, in dem man weiß, dass man träumt. Diese Fähigkeit – des Bewusstwerdens – lässt sich trainieren. Träumer, die sich dieser Passion verschrieben haben, nennt man Oneironauten, von griechisch „oneiros“ für Traum und „nautēs“ für Seefahrer. Oneironauten sind also Traumreisende.

 

Bereits 1978 schaffte Hearne, K. M. (3) die empirische Evidenz. Seitdem ist das wissenschaftliche Interesse beständig gewachsen. Therapeutische Ansätze für Schizophrenie beispielsweise versprechen Arbeiten von Dresler, M. (1) und Filevich, E. (2) aus dem Jahr 2015.

 

 

Geschichte

 

 

Eine der frühesten bekannten Erwähnungen des Träumens ist der Gilgamesch-Epos der Sumerer aus Mesopotamien 3.100 Jahre vor unserer Zeit. Der König träumt von seiner Mutter und nutzt diese Träume als Prophezeiungen. Im ägyptischen Reich gab es Tempel zur Trauminkubation und die Traumdeuter hießen „Meister der geheimen Dinge“. „Gute zweitausend Jahre vor Freud vertrat Platon die Theorie, dass es sich bei unseren Träumen um verdrängte Begierden handelt.“ (6) Auch Aristoteles wusste vom Phänomen des Klarträumens, aber er fand Träume bloß faszinierend und ansonsten funktionslos, wie der zeitgenössische Alan Hobbes in seiner Frühphase. Im römischen Reich ging mit der Christianisierung die Traumkultur unter. (6) Hindus glauben unsere Welt ist geträumt von Gott und beim Träumen handele es sich um einen höheren Bewusstseinszustand als beim Wachen. Für die Tibeter ist das Leben ein Traum. Im luziden Traum erleben sie die höchste Form des Bewusstseins: das reine Nichts. Die Traumyogis berichten, dass sie durch das Klarträumen jedwede Angst bewältigen können – inklusive der Angst vor dem Tod. (5) In der chinesischen Tradition geht die sogenannte Hauchseele nachts auf Wanderschaft. Man ging davon aus, dass im Hauch der nichtphysische Teil der Seele wohne und über den Atem den Körper verlassen kann. Deshalb – so die Überlieferung – sollte man einen Schlafenden nicht wecken, da dieser sonst Gefahr läuft, dass die Hauchseele nicht zurückkehrt. (6) Bei den Hebräern gelten Träume als Möglichkeiten, Weisungen von Gott zu bekommen. (6) „Mit der Ausbreitung des Christentums wurden Träume […] als böse und sündig betrachtet. Martin Luther ließ verbreiten, dass der Teufel sie uns schicke, und göttliche Botschaften einzig durch die Kirche zu empfangen seien.“ Noch in der Renaissance galten Träume „als wenig bemerkenswerte Nebenprodukte psychischer Störungen oder Indispositionen […], die keinen echten Wert besaßen.“ (6) René Descartes war ein Klarträumer. (6) Der Begriff „luzides Träumen“ schließlich geht auf den Psychiater Frederik van Eeden zurück. (5)

 

 

Neuzeit

 

 

1975 beschrieb der Klartraumforschungspionier Paul Tholey in der Zeitschrift „Gestalttheory“ ein experimentelles Design, um die empirische Evidenz zu schaffen, dass es dieses Phänomen – des luziden Träumens – überhaupt gibt. Bis dahin galt es in weiten Kreisen der Wissenschaft als Mythos, Esoterik und Legende. Berger hatte 1929 das EEG erfunden, mit dessen Hilfe Aserinsky und Kleitmann 1953 die R.E.M.-Phase entdeckten. Ende der siebziger Jahre führte Keith Hearn zum ersten Mal dieses Experiment durch, bei dem der Oneironaut ein Signal aus der Traumwelt an in die Wachwelt sendet. (3) Wiederholt hat das Experiment Stephen LaBerge in Standford Anfang der achtziger Jahre: Der Versuchsaufbau ist so simpel wie genial: Der Oneironaut bekommt aufgetragen, seine Augen aktiv rhythmisch von links nach rechts zu bewegen. Beim Oneironatuen gleicht die Augenbewegung in den Schlafphasen N1, N2, N3 und wieder N2 sowie der anschließenden R.E.M.-Phase denen „normaler“ Probanden. Als Beleg zeichnet ein Polysomnographiegerät den Schlaf auf und zeigt, dass sich der Träumer in der R.E.M.-Phase befindet, also wirklich schläft. Sobald der Oneironaut jedoch in die luzide Phase eintritt, ist er in der Lage, die Augenbewegung aktiv zu steuern. (4) Auch wenn es berechtigte Zweifel an der Validität einer solchen Methode gibt, führte die Veröffentlichung zum Bekanntwerden dieses Phänomens. Es war in der Wissenschaft angekommen.

 

Allgemeines

 

„Just das, wonach wir suchen, ist entscheidend dafür, es überhaupt zu finden.“ (6)

 

Es ist bemerkenswert, dass alle wissenschaftlichen Entdeckungen vorher Science Fiction waren. Beispiele sind Orwells 1984 und die heutige NSA. Oder der Communicator von Raumschiff Enterprise und die heutigen Handys. Nichts kann in unserer Wirklichkeit entstehen, ohne vorher (aus)gedacht worden zu sein. Nicht alles, was wir uns ausdenken, wird Wirklichkeit. Aber nur das wird Wirklichkeit, was wir uns ausdenken können. Robert Moss schreibt in „Conscious Dreaming“: „Der normale Träumer weiß nach dem Aufwachen genauso wenig, wo er die Nacht verbracht hat, wie ein Betrunkener, der am Morgen danach einen Blackout hat.“

 

Das luzide Träumen birgt enormes wissenschaftliches Potential. Wie sagte schon Friedrich Schiller: „Willst du dich selber erkennen, so sieh, wie die andern es treiben!
Willst du die andern verstehn, blick in dein eigenes Herz!“
Die Würzburger Schule nannte das Introspektion! Die höchste Form der Introspektion ist erreicht, wenn man sich seines eigenen Traumes bewusst ist. Der Autor dieses Artikels hat ganz ohne Tierversuche allein durch Introspektion herausgefunden, dass zwei unterschiedliche Hirnareale für den Prozess des Erkennens einer Person und dem Gefühl der Bekanntheit einer Person zuständig sein müssen. Im Wachleben ist das Erkennen einer Person direkt mit dem Gefühl der Bekanntheit verbunden. Im Traum ist dies nicht unbedingt der Fall. So gibt es Traumfiguren, die ein Bekanntheitsgefühl auslösen, ohne dass man im Wachleben sagen könnte, woher man diese Personen kennt. Diese Traumfiguren stellen eine von 4 Sorten Traumfiguren dar, die im Traum auftreten können:

 

1.           Personen, die man aus dem Wachleben kennt (Mutter, Vater, Bekannte)

 

2.           fremde Personen

 

3.           Personen, die man nur im Traum kennt (mit besagtem Bekanntheitsgefühl)

 

4.           Mischungen (oft verschmelzen verschiedene Personen zu einer Traumfigur)

 

Diese Beobachtung lässt den Schluss zu, dass Erkennen und das Gefühl der Bekanntheit in unterschiedlichen Hirnregionen verortet sein könnte.

 

 

Therapeutisches Potential

 

 

Brigitte Holzinger in Wien hat das Klarträumen zur Bekämpfung von Alpträumen eingesetzt. Thomas Mäder in Zürich träumt von einer Traumintervention bei PTBS. Martin Dresler in Nijmegen nimmt an, dass Psychosen und Träume viele Gemeinsamkeiten haben und das Klarträumen eine Therapiemöglichkeit für Schizophrenie sein könnte. (3) Darüber existieren leider noch keine Studien, aber der Schluss liegt nahe, dass bei Schulung der Metakognition – also das Denken über das Denken – auch die Einsicht in Wahnzustände verbessert werden kann. Außerdem legen fMRT-Studien nahe, dass das Zusammenspiel dreier Netzwerke im Gehirn durch das Klartraumtraining beeinflusst werden könnte. Das ist zum einen das Ruhezustandsnetzwerk (englisch: default mode network [DMN]), das beim Tagträumen aktiviert ist. Bei einigen Erkrankungen kommt es zu Veränderugnen im DMN, hierunter fällt auch die Schizophrenie. Das “dorsal attention network“ ist der Gegenspieler und wird aktiviert, wenn das Gehirn extern zugeführte Reize und Aufgaben verarbeiten muss. Das „frontoparietal(e) control system“ ist das dritte Netzwerk, das die Aktivität der anderen beiden Netzwerke steuert. (3)

 

Luzides Träumen hat Auswirkungen auf Selbstwirksamkeitserwartung, Wohlbefinden, Verbindung zur Intuition, Achtsamkeit und Metakognition. Elisa Filevich und ihr Team fanden am Max Planck Institut in Berlin heraus, dass bei Klarträumern das Brodmannareal 10 im präfrontalen Kortex vergrößert ist. Das Bordmannareal 10 macht man für Metakognition (also das Denken über das Denken) verantwortlich. (2) Es ist allgemeiner Konsens, dass, wenn das Bewusstsein irgendwo im Gehirn lokalisiert ist, es wohl im Kortex sein muss – dem evolutionsbiologisch jüngsten Teil des Gehirns. Vor allem über den präfrontalen Kortex (hinter der Stirn) wird in der Wissenschaft viel diskutiert.

 

 

Fazit

 

Ein Klartraum (lucid dream) ist ein Traum, in dem man weiß, dass man gerade träumt. Diese Erkenntnis kann man nutzen, um den Trauminhalt zu beeinflussen und den Traum nach seinen Wünschen zu gestalten. Das bekannte Buch von Stephen LaBerge heißt in der deutschen Übersetzung: „Träume, was du träumen willst!“ Im Klartraum kann man fliegen, durch Wände gehen oder Gegenstände telekinetisch bewegen – abseits von physikalischen und sozialen Gesetzeszwängen kann man alles tun, was man sich vorstellen kann. Die Klarheit darüber, dass man träumt, ist dabei ein Kontinuum und nicht etwa an oder aus, sondern man kann während man träumt genauso fast klar sein (präluzid) wie richtig trüb (unwissend) und völlig klar (hellwach) sowie alles dazwischen. Klarheit ist dabei zu unterscheiden von Kontrolle. Beides hängt miteinander zusammen, aber es ist möglich, völlig klar zu sein und überhaupt keine Kontrolle (Macht) über den Trauminhalt zu haben als auch völlig trüb zu sein und trotzdem in der Lage, die Traumumgebung zu beeinflussen. Klarträumer nennen sich auch Oneironauten, von griechisch „oneiros“= Traum und „nautēs “=Seefahrer, also Traumreisende übersetzt.

 

 

 

Wie lerne ich das luzide Träumen?

 

 

4 Schritte zum ersten Klartraum

 

1.      Traumtagebuch

 

Ein Muss für jeden Oneironauten ist das Traumtagebuch. Damit fängt alles an und damit hört es auf, wenn man es vernachlässigt. Nehmen Sie Stift und Schreibblock und legen Sie beide neben ihr Bett, um der „Traumlöschfunktion“ zuvorzukommen. Alternativ können Sie die Träume in ein Diktiergerät oder eine entsprechende App sprechen. Hauptsache, sie zeichnen Sie irgendwie auf. Das übt die Traumerinnerung und fördert die Erinnerung an das Traumbewusstsein und wie es sich „anfühlt“.

 

2.      Wachposten setzen

 

Setzen Sie sogenannte Wachposten, dabei trainieren Sie das prospektive Gedächtnis: Sie beginnen mit Wachposten im Alltag. Nehmen Sie sich vor, das nächste Mal, wenn Sie am Punkt X vorbeikommen, sich an Y zu erinnern. Ihr Gehirn speichert das ab und wird Sie mit erhöhter Wahrscheinlichkeit wissen lassen, dass Sie sich vorgenommen haben und was. Einen gut gesetzten Wachposten erkennt man daran, dass er vorher schon immer wieder auftaucht, um sich aufzufrischen, bevor der Ernstfall dann eintritt. Diese Übung übertragen Sie nun in Ihre Traumwelt: Autosuggerieren Sie sich, aufzuwachen, sobald Sie geträumt haben. Nehmen Sie sich vor, sich an Ihre Träume zu erinnern und nehmen Sie sich vor, den Traum als solchen zu erkennen.

 

3.      Reality Checks

 

Machen Sie sogenannte Reality Checks (RCs). Ein RC testet, ob Sie gerade träumen. Es gibt eine Vielzahl von RCs – suchen Sie sich Ihren Liebling aus! Der Autor zählt gern Finger, denn im Traum sind es meistens mehr oder weniger als 5. Keiner weiß warum, aber es ist so. Eine andere Möglichkeit ist, sich die Nase zuzuhalten und zu versuchen, durch die geschlossene Nase zu atmen. Im Traum wird das funktionieren, weil Sie sich ja nur „virtuell“ die Nase zu halten und tatsächlich weiteratmen. Sie können etwas lesen, wegschauen und es erneut lesen. Im Traum ist zwar wahrscheinlich das Buch noch da, der Text darin ist aber ein anderer geworden (das ist der Lieblingsrealitycheck von LaBerge). Sie können versuchen zu schweben oder den Lichtschalter betätigen. Im Traum sollte das Licht nicht angehen. Oder fragen Sie sich, wo Sie vor Kurzem waren – im Traum fehlt Ihnen diese Erinnerung.

 

4.      Gezielte Schlafunterbrechung

 

Unterbrechen Sie Ihren Schlaf (sogenanntes Wake-back-to-Bed (WBTB)). Schlafunterbrechungen führen nachweislich zu vermehrten Klarträumen. Aber achten Sie darauf, mindestens einmal pro Nacht mindestens 4 Stunden zu schlafen, weil sonst ein wichtiges Hormon für den Knochenerhalt  nicht ausgeschüttet werden kann. (Ich darf dessen Namen hier nicht nennen, weil google die Seite sonst nicht bewirbt.) Es wichtig für die Gesundheit ist, genug Schlaf zu bekommen.

 

5.      Der finale Klartraum

 

Kombinieren Sie die einzelnen Schritte: Ergänzen Sie die WBTB-Methode, Schritt 4, mit Schritt 2: Nehmen Sie sich vor, nach einem Traum aufzuwachen. Gelingt dies, schreiben Sie ihn gemäß Schritt 1 auf. Nachdem Sie nun alle Schlafphasen durchwandert haben, ist Ihr Ziel, direkt aus dem Wachzustand bewusst in eine R.E.M.-Phase einzusteigen. Dazu tun Sie Folgendes: Legen Sie sich wieder rücklings ins Bett und versuchen, möglichst lange bewusst zu bleiben. Bewegen Sie sich nicht. Nach einiger Zeit sollten Lichtblitze vor Ihrem inneren Auge entstehen. Beobachten Sie diese. Sie werden zu Mustern, werden bunt und plastischer (sogenannte Hypnagogien) und wenn Sie Glück haben, können Sie die Hypnagogien auf diese Weise den gesamten Einschlafprozess bis in den Traum hinein bewusst verfolgen. Irgendwann in diesem Prozess setzt die Schlafparalyse ein, heißt, Sie spüren, dass Ihre Muskeln völlig erschlaffen. Eventuell fühlt sich das an wie ein Fallen oder ein Sog in den Traum. Dann haben Sie es geschafft: Gratulation zu einem erfolgreichem WILD (wake-induced-lucid-dream)! Aber seien Sie nicht enttäuscht, wenn es nicht klappt. Kein WILD-Versuch ist umsonst, denn er steigert die Wahrscheinlichkeit enorm, dass Sie später im Traum bewusst werden.

 

Für Interessierte gibt es ein deutsches Klartraumforum unter: www.klartraumforum.de

 

Literaturverzeichnis

 

1. Dresler, M., Wehrle, R., Spoormaker, V. I., Steiger, A., Holsboer, F., Czisch, M., & Hobson, J. A. (2015). Neural correlates of insight in dreaming and psychosis. Sleep medicine reviews, 20, 92-99.

 

 

 

2. Filevich, E., Dresler, M., Brick, T. R., & Kühn, S. (2015). Metacognitive mechanisms underlying lucid dreaming. Journal of Neuroscience, 35(3), 1082-1088.

 

 

 

3. Hearne, K. M. (1978). Lucid dreams: an elecro-physiological and psychological study (Doctoral dissertation, Liverpool University).

 

 

 

4. LaBerge, S. P. (1981). LUCID DREAMING: AN EXPLORATORY STUDY OF CONSCIOUSNESS DURING SLEEP.

 

 

 

5. Thiemann, J. (2017), Klartraum Wie Sie Ihre Träume bewusst steuern können, Rowohlt

 

 

 

6. Tuccillo, D.,  Zeizel, J., Peisel T., Klarträumen (2016), Wilhelm Goldmann Verlag

 

 

Uwe Krüger studiert Psychologie und beschäftigt sich seit 2013 intensiv mit allen Facetten des Klarträumens, 2017 war er als Mitarbeiter am Donders Institut (NL) im Bereich der Schlaf- & Klartraumforschung tätig.

 

Er betreibt den Blog 'Oneironauten.de' und gibt in Workshops und Vorträgen sein Wissen weiter. Getreu seinem Motto 'Ich träume, also kann ich' möchte er so die Welt im Schlaf in einen besseren Ort verwandeln.